Deutsche Gesellschaft
für phänomenologische Forschung

Kalendar | Conference

100934

Phänomenologie der Situation & Situierte Lektüren

Hagen, 25 - 26 Juni 2026

CFP is open

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Im Gegensatz zur (post-)cartesianischen Philosophie der Moderne, die von einer homogenen und neutralen Räumlichkeit ausgeht, gewinnt mit der Phänomenologie der Ort und die Räumlichkeit grundlegende Bedeutung für die sinnhafte Orientierung in der Welt. Der Leib-Körper stellt hierbei nicht einfach eine Position unter anderen dar, die sich in einem vorgegebenen koordinatensystem verorten ließe. Vielmehr ist er selbst die unhintergehbare Bedingung von Koordinaten – als Ausgangspunkt aller Orientierung und Sinngebung. Damit tritt nicht nur die leibliche Verfasstheit unserer Erfahrung in den Vordergrund, sondern ebenso die konkrete situiertheit des Denkens in Sprache, Geschichte, Kultur usw. Diese situierte Perspektive auf konkrete Beziehungen zwischen Ort, Raum und Subjektivität ist zugleich in anderem Erkenntnisinteresse in feministischen, interkulturellen und rassismuskritischen Wissenskontexten herausgearbeitet worden.

Da Erfahrungen immer situiert sind, bedarf es eines reflexiven Prozesses, um die Situiertheit von Erfahrungen transparent zu machen und sich dazu verhalten zu können. Für eine erfahrungsbasierte Philosophie wie die Phänomenologie ebenso wie für feministische, interkulturelle und rassismuskritische Theorien wird gelten müssen, dass sich auch ihre eigene Praxis diesem Prinzip nicht entziehen kann, d.h. dass auch die philosophische Theorie- und Lektürearbeit situiert ist.

Der Workshop greift die Reflexion der Situiertheit in zwei Schritten auf:

1) Phänomenologie der Situation: Wenn Situationen den Nullpunkt jeder Erfahrung darstellen, versteht sich doch nicht von selbst, als was Situationen zu gelten haben und wie sie zu begreifen sind. Ist die Situation selbst ein Phänomen – also etwas, das erscheint – oder bildet sie vielmehr die Bedingung der Möglichkeit von Erscheinung? Ist die Situation als Ort-Werdung des Raumes zu verstehen? Oder stellt umgekehrt der Raum eine höhere Konstitution dar, die sich aus der leiblich situierten Orthaftigkeit ergibt? Systematische theoretische Beiträge zu diesem ersten Aspekt widmen sich der Klärung dieser Fragen und untersuchen das Verhältnis von Ort und Raum, Leib und Körper, erlebter Situation und sozialer, politischer Position.

2) Situierte Lektüren: Dieser Teil des Workshops ist ein Lektüre-Experiment, das von der Hypothese ausgeht, dass sich die Situiertheit der philosophischen Arbeit auch in deren Resultaten zeigen muss. Je nachdem, wie ich situiert bin und wie ich damit umgehe, lese ich Texte entsprechend anders. Der Workshop will mit dieser Hypothese experimentieren, indem
er jeweils zwei Leser:innen dieselbe Passage eines phänomenologischen Klassikers interpretieren lässt und dabei als Aufgabe stellt, die eigene Lektürearbeit zu reflektieren (also aus der Situation des Lesens auf die eigene Situiertheit zu reflektieren). Im Anschluss an die Präsentation besteht jeweils Möglichkeit zur Diskussion und Austausch.

Den Abendvortrag am 25. Juni 2026, zu dem zugleich im Rahmen des forum philosophicum des Instituts für Philosophie eingeladen wird, wird Paula-Irene Villa-Braslavsky halten.

Für die beiden im Workshop zu diskutierenden Aspekte ist je ein halber Tag vorgesehen. Wir laden zur Einreichung von Vorschlägen für jeden dieser beiden Teile des Workshops ein.

Bitte senden Sie bei Interesse ein Abstract von ca. 300 Wörtern bis zum 15. Februar 2026 an: abbed.kanoor@uni-hildesheim.de oder thomas.bedorf@fernuni-hagen.de

Für Teil 2 schlagen wir Lektüren folgender Passagen phänomenologischer Klassiker vor:

• Beauvoir, Simone de, Das andere Geschlecht, übers. v. Uli Aumüller u. Grete Osterwald, Reinbek 2000, 27-62 („Die biologischen Gegebenheiten“)

• Fanon, Frantz, Schwarze Haut, weiße Masken, übers. v. Eva Moldenhauer, Wien 2013, 37-54 („Die farbige Frau und der Weiße“)

• Merleau-Ponty, Maurice, Phänomenologie der Wahrnehmung, übers. v. Rudolf Boehm, Berlin, New Work 1974, 122-129 („Körperschema“)

• Sartre, Jean-Paul, Das Sein und das Nichts, übers. von Traugott König u. Vincent v. Wroblewsky, Reinbek 1991, 467-472 („Der Blick des Anderen“)

Bitte nennen Sie in Ihrer Einreichung den Textabschnitt, auf den sich Ihre Lektüre bezieht, damit wir Sie Ihrem*r Partner*in zuordnen können. Alternativ können Sie sich auch auf andere als die genannten Texte beziehen, sofern Sie sich gleich als Tandem bewerben (dann bitte die beiden
situierten Lektüren akzentuieren und den Textbezug nennen; Abstract darf dann entsprechend doppelt so lang sein).

Bei Rückfragen vorab wenden Sie sich bitte an die Organisatoren unter einer der genannten Adressen. Wir freuen uns auf Ihre Einreichungen und sind gespannt auf Ihre Ideen.