Deutsche Gesellschaft
für phänomenologische Forschung

Nachruf Bernhard Waldenfels (1934 -2026)

Ein phänomenologischer Platoniker zwischen Paris und Bochum

von Thomas Bedorf

In den letzten Jahren äußerte Bernhard Waldenfels des Öfteren den für einen Vertreter der Phänomenologie, die allen ewigen Ideen abhold ist, überraschenden Satz: „Ich bleibe ein Platoniker.“ Dazu passt der Titel seiner letzten großen Monographie von 2017: Platon. Zwischen Logos und Pathos. Die Selbstbeschreibung überrascht weniger, wenn man weiß, dass er 1961 in den Fächern Griechisch, Latein und Geschichte sein Staatsexamen ablegte und diese Fächer an einem Münchener Gymnasium unterrichtete, bevor er sich in seiner Dissertation der sokratischen Philosophie widmete. Bewahrt hat er sich eine bleibende Leidenschaft für das rohe, weit von Ideenlogik entfernte platonische Denken, das den Anfang der Philosophie im Staunen und im Erschrecken sah, statt in Fragen nach einem Etwas, dessen Grund oder Wesen zu ergründen wäre. Der gemeinsame Ausgangspunkt für Platon wie für die Phänomenologie sind „pathische“ Erfahrungen, in denen uns etwas zustößt oder widerfährt, das wir nicht selbst als autonome Subjekte gewollt oder intendiert haben. Das platonische Staunen und Erschrecken sind in Waldenfels’ Lesart Formen des Umgangs mit diesen Erfahrungen, rudimentäre Antworten auf etwas, das uns in der Erfahrung begegnet. Gewissermaßen findet sich hier eine Vorform einer Philosophie des Antwortens, die Waldenfels als „responsive Phänomenologie“ zeitlebens verfolgt und weiterentwickelt hat.

Wenn Waldenfels‘ responsive Phänomenologie bei Platon eine ursprüngliche Anregung finden konnte, verdankt sie sich systematisch vor allem der bleibenden Inspiration aus Paris, d.h. der französischen Philosophie der Nachkriegszeit. In den späten 1980er Jahren zwischen der deutschen und der französischen Philosophie wurde eine länger andauernde Kontroverse darüber ausgetragen, ob der Begriff der Vernunft im Zentrum der Philosophie zu stehen habe oder ob Zweifel an dieser Überzeugung gleich die Philosophie als Ganzes in Frage stelle (wie in manchen Frankfurter und Tübinger Instituten geargwöhnt wurde). Währenddessen kannte Bernhard Waldenfels damals schon die Vorgeschichte sowohl des poststrukturalistischen Aufbruchs in Paris als auch des Transfers der Phänomenologie Husserls und Heideggers nach Frankreich, hatte er doch in seiner Promotionszeit 1961 bei Maurice Merleau-Ponty studiert, der seine Phänomenologie der Leibkörperlichkeit in konstruktiver Auseinandersetzung mit der Psychologie seiner Zeit, dem linguistischen Strukturalismus und der Phänomenologie Husserls gewann. Entsprechend seitwärts der Debatte der 1980er Jahre stehend und zugleich systematisch wie historisch weit informierter als seine deutschsprachigen Kollegen (no female gender needed) konnte er 1983 die monumentale und bis heute unübertroffene Überblicksdarstellung Phänomenologie in Frankreich publizieren, mit der erstmals die französischen Innovationen der Philosophie für das deutsche Publikum im Zusammenhang nachvollziehbar wurden.

Mit der aus diesen Quellen formulierten These seiner responsiven Phänomenologie, dass im Kern wir immer schon auf Fremdes antworten, auch wo wir meinen, ganz bei uns selbst zu sein oder aus uns selbst zu schöpfen, führt Waldenfels in den Folgejahren eine in ihrer Reichweite noch kaum erfasste Wende in die Philosophie ein. Denn sie dezentriert nicht nur das Subjekt (das er nie verworfen hat, aber stets in Anführungszeichen schreibt), sondern versieht auch Normen, Regeln, Werte und andere Orientierungen mit dem Sigel der Kontingenz. Wenn das, worauf wir antworten müssen, unverfügbar fremd oder anders ist und bleibt, kann es keine letztgültige, richtige Antwort geben. Zugleich bedeutet Kontingenz nicht Zufälligkeit, wie Waldenfels immer wieder betont hat, die Verantwortung in jeder Antwort besteht darin, die bestmögliche (er)finden zu müssen - im prekären Wissen darum, dass es sie nicht gibt. Eine inhaltlich wie formal anspruchsvolle Philosophie, die sich abgesehen von den drei Hauptwerken Ordnung im Zwielicht (1987), Antwortregister (1994) und Bruchlinien der Erfahrung (2002) in über 30 Monographien und Sammelbändern sowie über 200 Aufsätzen niedergeschlagen hat.

Ein Philosoph des Antwortens auf das Fremde und Andere zu sein impliziert dabei nicht ohne Weiteres eine gelassene Aufnahmebereitschaft für das Andere. Kontrahenten wie Weggefährten erinnern sich an einen engagierten und streitbaren Diskutanten, der aus großer Kenntnis auch der benachbarten Theoriemilieus für die eigenen Auffassungen vehement zu argumentieren wusste (und dabei nicht immer alle Antworten gelten ließ). Dieser Diskussionsbereitschaft und der offenen Anschlussfähigkeit seines Denkens ist es zu verdanken, dass er deutschlandweit und international weit über die Grenzen der Philosophie hinaus rezipiert wird: In den Theater- und Musikwissenschaften, der Erziehungswissenschaft, der Psychiatrie und der Psychoanalyse, ebenso wie der Architekturtheorie oder der Körpersoziologie. Angesichts dieser offenen Respondenz auf sein Werk, für die auch zahlreiche Gastprofessuren und Ehrendoktorwürden im In- und Ausland zeugen, und der Gründung der Deutschen Gesellschaft für phänomenologische Forschung (1969), als deren Präsident er stets die unterschiedlichen Strömungen zu moderieren wusste, darf es mit als sein Verdienst gelten, dass die deutschsprachige Phänomenologie (wieder) den internationalen Ruf erworben hat, den sie heute genießt. In Zeiten, in denen sich Identitäten gegeneinander abschotten und das Hören blockieren, scheint eine Philosophie dringlicher denn je, die die Erfahrung des Anderen und Fremden systematisch zum Ausgangspunkt des Nachdenkens über ‚uns‘ macht.

Am 23. Januar 2026 ist Bernhard Waldenfels in München verstorben.


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Weitere Nachrufe auf Bernhard Waldenfels finden Sie auf der Website des Bernhard-Waldenfels-Archivs.