Buch | Kapitel
Der altgriechische Weg
pp. 67-84
Abstrakt
Das Panorama, das bisher entworfen wurde, stellte überdeutlich den Kontrast zwischen abendländischer Tradition und nicht-europaischen Überlieferungen heraus. Diese Zuspitzung der Differenz war sogar nötig: um sie nun, partiell, wieder aufheben zu können. Nicht, dass von den »Absonderlichkeiten« des Besprochenen etwas zurückzunehmen wäre. Nicht dass wir die Fremdheit leugnen müssten, die uns angesichts existenzieller Entgrenzungen in und durch Musik erfasst. Aber — die Sufi-Rituale hatten es spürbar werden lassen — im Fremden mögen sich auch Züge ausprägen, die mit eigenen Lebensformen kompatibel sind. Herrschaftstechniken etwa, die Musik unter Kontrolle nehmen, scheinen eher von interkultureller Relevanz zu sein als kulturspezifisch. Andererseits finden sich vor allem in Frühstadien der abendländischen Geschichte sehr wohl Spuren jener ökologischen Weltsichten, die man gemeinhin mit außereuropäischen Mentalitäten in Verbindung bringt. Speziell sie aber schaffen der banalen Erkenntnis Bahn: dass der Westen nicht von allem Anbeginn der Westen war — und noch in dem, worauf wir unsere Identität beziehen, kulturelle Alternativen verborgen liegen, selbst wenn der Geschichtsverlauf sie zuschüttete. Überhaupt verleihen ethnologische Perspektiven, so lückenhaft sie im Voraufgehenden gewonnen wurden, der eigenen Geschichtsdeutung Kontur und Farbe. Und manches im längst Eingewöhnten lässt sich überhaupt erst sehen, wenn man bereits anderes gesehen hat. Für eine Neubewertung antiker Musik-Konzepte, von denen wir genug zu wissen meinen, kann das sogar unerwartet hilfreich sein. Blicken wir also hin.
Publication details
Published in:
Kaden Christian (2004) Das Unerhörte und das Unhörbare: was Musik ist, was Musik sein kann. Stuttgart, Metzler.
Seiten: 67-84
DOI: 10.1007/978-3-476-02943-0_3
Referenz:
Kaden Christian (2004) Der altgriechische Weg, In: Das Unerhörte und das Unhörbare, Stuttgart, Metzler, 67–84.


