Deutsche Gesellschaft
für phänomenologische Forschung

Buch | Kapitel

199712

Musik der Aufklärung, Aufklärung im Musikalischen

Christian Kaden

pp. 221-245

Abstrakt

Was Aufklärung ist, lässt sich bei Immanuel Kant nachschlagen. Seine Schrift, die die Frage im Titel fuhrt, gibt die Pauschalantwort: Der »Ausgang des Menschen« sei gemeint »aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit«. Eine »große« Devise, ihrer Skandierung nach nahe bei einem daktylischen Vierheber. Zugleich ein Gemeinplatz, in gewissem Sinn jedoch argumentativ ausreichend. Denn wie auch andernorts akzentuiert Kant mit dem Abstrakten das allgemein Verbindliche. Aus freier Entscheidung habe der Mensch zu handeln, jeder Einzelne; nicht eigennützig, wohl aber mit dem Mut zu eigener Kraftanstrengung — und allem voran eigenverantwortlich, selbstbestimmt, sich seines Verstandes bedienend »ohne die Leitung eines anderen«: irgendeines anderen. Bei Künstlern, die ihre Philosophen lasen, muss dies tiefen Eindruck hinterlassen haben. Beethoven jedenfalls notiert in seinen Konversationsheften: »›das Moralische Gesez in unß, u. der gestirnte Himmel über unß‹ Kant!!!«1 Auf das Gesetz, das in ihm wohnt, schien es ihm anzukommen. Es bedeutete die Befreiung von Fremdsteuerung, existenzbegründend, zuweilen auch leidbringend für einen Komponisten, der alles in sich und aus sich selbst zu erschaffen hatte.2 Menschliches gilt seit der Aufklärung nicht als Herzstück allein des Weltgefüges. Per Welt-Sicht, Welt-Bild, Welt-Vorstellung zieht sich der Kosmos zusammen im Ich, im Verinnerlichten. Auch die Gestirne werden zuallererst betrachtet, sind Gegenstände von Welt-Anschauung. Fichte, den die Zeitgenossen der Gottlosigkeit anklagten, trieb die Idee auf die Spitze: Das Ich setze sich selbst. In solipsis-tischer Lesart wäre hinzuzufügen: Es setze das Weltganze. Für Musik wurde das zur historischen Herausforderung.

Publication details

Published in:

Kaden Christian (2004) Das Unerhörte und das Unhörbare: was Musik ist, was Musik sein kann. Stuttgart, Metzler.

Seiten: 221-245

DOI: 10.1007/978-3-476-02943-0_8

Referenz:

Kaden Christian (2004) Musik der Aufklärung, Aufklärung im Musikalischen, In: Das Unerhörte und das Unhörbare, Stuttgart, Metzler, 221–245.