Deutsche Gesellschaft
für phänomenologische Forschung

Buch | Kapitel

199710

Brückenschläge zur Neuzeit

Christian Kaden

pp. 150-180

Abstrakt

Das Medium Aevum — fast als ein Leitmotiv tritt es uns entgegen — fuhrt mit sich die Physiognomie des Janusköpfigen. Zur Antike schaut es zurück, oft intensiver als vermutet. In die Neuzeit blickt es, noch stumm, hinein. Ebenso prä-modern ist es wie prä-modern. Als eines seiner avanciertesten Momente erscheint Schriftkultur, mit ihr die Entfaltung von Notenschriften. Bis heute mutet uns selbstverständlich an, was der Fama nach Guido von Arezzo im 11. Jahrhundert erfunden hatte: Tonzeichen auf Linien, auf Linien im Terzabstand zu setzen. Ebenfalls seit Guidos Zeiten operiert europäische Überlieferung wesentlich mit Einzel-Noten: Punkten, Quadraten, die sich allenfalls nachträglich zu Gruppen fügen. Altere Neumen, welche Melodiesegmente »auf einen Streich«, fortlaufend-kurrent zu Pergament brachten (»neuma«, wie erwähnt, bedeutet »Wink«, auch »Geste«), treten in den Hintergrund, werden letztlich ganz ausgeschieden. Bereits im 9. und 10. Jahrhundert hatte es sich bewährt, die Auf- und Abwärtsbewegung von Stimmverläufen graphisch nachzubilden, ikonisch-anschaulich. Und schließlich waren es Noten, die mehr und mehr in schöpferische Prozesse des Musizierens eingriffen. Dass neue Stücke primär nicht gesungen oder gespielt, sondern erst einmal geschrieben werden,1 gehört seither zu den fundamentalen Eigenheiten der Musik des Abendlandes.

Publication details

Published in:

Kaden Christian (2004) Das Unerhörte und das Unhörbare: was Musik ist, was Musik sein kann. Stuttgart, Metzler.

Seiten: 150-180

DOI: 10.1007/978-3-476-02943-0_6

Referenz:

Kaden Christian (2004) Brückenschläge zur Neuzeit, In: Das Unerhörte und das Unhörbare, Stuttgart, Metzler, 150–180.