Deutsche Gesellschaft
für phänomenologische Forschung

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Zur Möglichkeit einer phänomenologischen Ontologie der Wirtschaftswissenschaft

Eine kritische Betrachtung Josef M. Backs Verbindung von Husserls Phänomenologie mit den Wirtschaftswissenschaften

Paul Adrian Meyer(Albert Ludwigs-Universität Freiburg)

pp. 47-62

1 | Einleitung

1Spätestens seitdem Michel Foucault in seinen Vorlesungen über Biopolitik auf die Verbindung von Edmund Husserl zu dem Freiburger Ökonomen Walter Eucken aufmerksam gemacht hat, wurde Husserls Einfluss auf die Ökonomik verstärkt in den Blick genommen (vgl. Foucault 2004, 123 – 24).1 Ein anderer Freiburger Forscher wurde in diesem Zusammenhang bisher allerdings wenig beachtet: Josef Maria Back (1903–1974). Dabei versucht Back Husserls Denken in besonders direkter Weise auf die Ökonomik zu übertagen. In Schriften wie Nationalökonomie und phänomenologische Philosophie (Back 1927) oder Die Entwicklung der reinen Ökonomie zur nationalökonomischen Wesenswissenschaft (Back 1929) versucht er, die Ökonomik phänomenologisch zu fundieren und sie so in den ‚sicheren Gang einer Wissenschaft‘ zu bringen.

2Backs Adaption von Husserls Denken ist bislang kaum aus wirtschaftswissenschaftlicher und, meines Wissens, nicht aus Sicht von Husserls Phänomenologie untersucht worden.2 Der vorliegende Aufsatz soll hierzu beitragen: Er stellt Backs wesenswissenschaftliches Vorgehen in der ‚reinen Ökonomie‘ vor und untersucht, inwieweit Back dabei an Husserls Wesensforschung anschließt. Fokussiert werden dazu Gedanken Husserls, die bis zu Backs hier betrachteter Schaffensperiode (bis 1929) datieren. Dazu werden zentrale Züge Backs Denkens in dieser Periode rekonstruiert, vor allem anhand seiner Habilitationsschrift. Dabei zeigt sich, dass Husserl für Back nicht der einzige, aber ein entscheidender philosophischer Bezugspunkt ist. So lässt sich Backs ‚reine Ökonomie‘ als ‚materiale Ontologie‘ in Husserls Sinn deuten, durch die Back der Ökonomik eine gesicherte Grundlage geben will, auf der basale Annahmen und ihre Folgen verhandelt werden können. Backs Ausführungen bleiben dabei propädeutisch und in wichtigen Punkten unausgeführt, jedoch liefert er ein Muster für weitere phänomenologische Forschung zur Ökonomik.3

2 | Backs Rezeption der Phänomenologie

3Josef Back studierte von 1921 bis 1926 in Freiburg u.a. Nationalökonomie, Philosophie sowie Geschichte und nahm lange an Husserls Fortgeschrittenenkolloquium teil.4 1926 wurde er mit einer Arbeit zum Streit um die nationalökonomische Wertlehre promoviert (Back 1927), 1928 habilitierte er sich bei Hermann Diehl mit der Schrift Die Entwicklung der reinen Ökonomie zur nationalökonomischen Wesenswissenschaft (Back 1929). Schon die Titel dieser Werke zeigen, dass er sich an der Schnittstelle zwischen Nationalökonomie und Philosophie bewegte. Für die vorliegende Untersuchung sind besonders Backs frühe Arbeiten relevant. Denn in den 1930er Jahren änderte sich Backs Fokus: 1933 trat er NSDAP und SA bei, hielt ideologisch motivierte Vorträge und engagierte sich hochschulpolitisch, etwa im Sinne des ‚Führerprinzips‘ während Heideggers Rektoratszeit. Nach 1945 blieb er dennoch im Lehrbetrieb und erhielt eine Professur in Erlangen.5 Wie etwa Klaus-Rainer Brintzinger festhält, unterscheiden sich die Texte der 1930er jedoch deutlich von denen der 1920er Jahre, die im Zentrum dieses Artikels stehen.6 In den hier behandelten Schriften lassen sich keine direkten Anklänge an die NS-Ideologie erkennen. Dennoch lohnt es, Backs spätere Verstrickungen im Hinterkopf zu behalten.

4Zentral für Backs Aneignung der Phänomenologie ist seine Habilitationsschrift, die im Folgenden als Hauptquelle der hier vorliegenden Analyse dient. Darin skizziert Back, wie die Wirtschaftswissenschaft auf ein ‚wesenswissenschaftliches‘ Fundament gestellt werden könne. Er gliedert sie in drei Gebiete: die ‚positive‘ Ökonomik, die ‚normative‘ Wirtschaftspolitik und die ‚reine Ökonomie‘, beschäftigt sich eingehend aber nur mit Ökonomik und reiner Ökonomie. Die Ökonomik ist für Back eine Tatsachenwissenschaft, die sich auf die wirtschaftliche Wirklichkeit bezieht, wie sie aus ‚wissenschaftlicher‘ Beobachtung bekannt wird. Wie die Ökonomik dabei ihren Gegenstand ‚wissenschaftlich‘ behandeln sollte und was insbesondere zu ihrem Gegenstand gehört, wird durch die reine Ökonomie untersucht und normiert. Die reine Ökonomie geht damit auf das, was Back in Anlehnung an Husserl das ‚Wesen‘ der Wirtschaft nennt. Sie ist die der Ökonomik zugeordnete Wesenswissenschaft (vgl. Back 1929, 194 – 95). Was das näher bedeutet und inwiefern Back hier an Husserl anschließt, wird im Folgenden dargestellt. Back entwickelt seine Idee der reinen Ökonomie in drei Schritten, die auch dem Aufbau dieses Abschnitts zugrunde liegen: Zunächst skizziert er den philosophischen Rahmen und die Methode der reinen Ökonomie (1.1) und dann deren zentrale Ergebnisse: Zunächst bezüglich der Umgrenzung des ökonomischen Gegenstandes (1.2), und dann seiner allgemeinen Struktur (1.3).

2.1. Die reine Ökonomie als ‚Wesenswissenschaft‘

5Der Gegenbegriff von ‚Wesen‘ ist die ‚Tatsache‘. Tatsachen beziehen sich auf historisch kontingente Sachverhalte, wie sie der empirischen Anschauung entnommen werden, die aber „an sich auch anders sein könnten“ (Back 1929, 187). Wesentliche Gehalte hingegen sind „diejenigen Bestimmtheiten, die alle Erscheinungen des betreffenden Seins notwendig aufweisen“ (Back 1929, 188). Als einfaches Beispiel aus der Wirtschaft nennt Back, dass jeder Produktionsprozess menschliche Arbeit erfordere, die zusammen mit anderen Faktoren in eine gewisse Menge an Gütern umgewandelt wird (s. Back 1929, 189). Eine Produktion ohne Arbeit gehört nicht zum Gegenstandsbereich der Wirtschaft, auch wenn die tatsächliche Menge und Art an Arbeit je nach historisch-kontingenten Umständen variiert. Ob das Beispiel zutrifft, bleibt hier nebensächlich. Es zeigt, worum es Back in der Wesenswissenschaft als ‚reine Ökonomie‘ geht. Zu ihr gehört einerseits die wesensmäßige Begrenzung des ökonomischen Gegenstands und andererseits die Untersuchung dessen interner Struktur als allgemeine „Gesetzmäßigkeit des wirtschaftlichen Zusammenhangs“, gemäß der sich ökonomische Erscheinungen gestalten (Back 1929, 190). Die reine Ökonomie liefert so die „Prinzipien (Gesetze), auf Grund deren wir die verschiedenen wirtschaftlichen Tatsachen in einen Erklärungszusammenhang einordnen können“ (Back 1929, 192). D.h., die reine Ökonomie normiert die Prinzipien und Grenzen sinnvoller Fragestellungen in der Tatsachenwissenschaft Ökonomik. So bestimmt sie etwa, dass in der empirischen Untersuchung eines jeden Produktionsprozesses nach Art und Menge der aufgewendeten Arbeit sowie nach ihrem Verhältnis zu ausgestoßenen Gütern zu fragen ist.

6Bereits Backs Terminologie – wie besonders der Terminus ‚Wesen‘ – verweist auf Husserl und Back zitiert zur Erläuterung auch explizit die Logischen Untersuchungen und Ideen I (HUA XIX/2; III/1).7 Auch die Unterscheidung von Tatsachen- und Wesenswissenschaft verweist auf Husserl (s. HUA III/1, § 7). Backs Zeitgenossen zählten ihn folglich zur „Husserl-Schule“ (Sommer 1930, 179; vgl. auch Carolsfeld 1975, 43). Der Sinn von ‚Wesen‘ und ‚Wesensforschung‘ wird durch den Bezug auf Husserl weiter deutlich. Wesentliche Gehalte werden in der Anschauung deskriptiv aufgefunden. ‚Anschauung‘ allerdings nicht im empirischen Sinne verstanden. Back folgt hier Husserls „Prinzip aller Prinzipien“ (HUA III/1, § 24), gemäß dem die Deskription der Anschauung die letzte Erkenntnisquelle ist, wobei ‚Anschauung‘ hier neben empirischen ‚Data‘ (wie Sinnesqualitäten) auch deren Struktur in Sachverhalten und wesentliche Gehalte umfasst.8 Empirische Anschauung zeigt lediglich partikulare und kontingente Gehalte. In der Anschauung kann man sich aber auch deskriptiv auf allgemeine Gehalte richten. Von letzteren aus ist es laut Back dann möglich, „den ganzen Zusammenhang gedanklich zu Ende zu bestimmen“ und so wesentliche Gehalte in „Wesensanschauung“ abzuheben (Back 1929, 190). D.h., in der Wesensanschauung eröffnet sich an der Erfahrung neben ihrem empirischen Bereich samt seiner Aktualität und realen Möglichkeit ein darin fundierter idealer Bereich notwendiger Strukturen. Um letzteres zu ‚sehen‘, wird ein Gegenstand empirischer Anschauung in Gedanken ‚festgehalten‘ und nach allen seinen allgemeinen Bestimmungen so lange anschaulich variiert, bis sich eine Bestimmung dadurch als ‚wesentlich‘ erweist, dass bei ihrer Abwandlung der Gegenstand seinen jeweils betrachteten Sinn verlöre. Hierher gehören einerseits formale Gehalte, wie besonders logische Kategorien und andererseits materiale Gehalte, die die charakteristische Struktur des Gegenstandes betreffen, wie z.B. die menschliche Arbeit im Produktionsprozess.

7Die reine Ökonomie befasst sich mit dem materialen Wesen der wirtschaftlichen Erfahrung. Entscheidendes Hilfsmittel sei hier die Fantasie. Nur in ihr könnten die „Grenzen […] möglicher Wirtschaftserscheinungen“ erfasst werden (Back 1929, 191), denn sie liefert die Anschauung der verschiedenen variierten Erscheinungen des Gegenstandes. Diese Betonung der Fantasie läuft parallel zu Husserls eigener Vorstellungen der Variationsmethode (vgl. HUA III/1 §70). Laut Back genüge die Fantasie allein allerdings nicht. Sie muss durch die empirische Beobachtung informiert und im fortlaufenden Austausch mit der Tatsachenforschung stetig neu reflektiert werden (vgl. Back 1929, 191). So ergibt sich eine Art Rückkopplungsprozess zwischen Tatsachen- und Wesensforschung.9 Die von der reinen Ökonomie gesuchten Gesetzmäßigkeiten scheinen für Back daher mehr ein Ziel vorzustellen, von dem er offenlässt, ob es abschließend erreichbar ist. Diese informierende Rückwirkung der Tatsachen- auf die materiale Wesensforschung betont Husserl weniger (vgl. HUA III/1, § 8), entwickelt aber gewisse Ansätze in dieser Richtung, z.B. entlang seiner ‚Zickzack-Methode‘.10

8So verstanden ist die reine Ökonomie die materiale Wesenswissenschaft der Ökonomik. Näher beschreibt Husserl eine solche auf konkrete Gegenstände bezogene Wesenswissenschaft als ‚materiale Ontologie‘ (vgl. HUA V 23, 42) und in diesem Sinne scheint auch Back von der reinen Ökonomie als „ontologische[r] Betrachtung“ wirtschaftlicher Erfahrung zu sprechen (Back 1929, 14). Mit dem Begriff der Ontologie verbindet Husserl einen eigenen Sinn. Eine materiale Ontologie grenzt Gegenstandsbereiche der Erfahrung ab und untersucht deren wesentliche Struktur, um die adäquaten Erkenntnisweisen der zugehörenden Tatsachenwissenschaften zu bestimmen (vgl. HUA V 83; XVII, 82). Diese Aufgabe hat, in Backs Konzeption, die reine Ökonomie für die Ökonomik. Sie bezieht so alle grundlegenden Annahmen der Ökonomik auf das anschaulich Gegebene zurück, prüft sie auf deren Wesentlichkeit und vergleicht sie mit anderen Einsichten über das Wesen der Ökonomie.

9Husserl ist in dieser Argumentation Backs zentraler philosophischer Bezugspunkt. Jedoch stützt Back sich vor allem auf die Logischen Untersuchungen und Ideen I und lässt daher reichhaltige Quellen zur Wesensforschung bei Husserl unberücksichtigt, teils allerdings, weil die sie 1929 noch nicht zur Verfügung standen.11 Dennoch fängt Back zumindest den grundlegenden Gedanken von Husserls Wesensforschung ein. Der Rückgriff auf Husserl eröffnet der reinen Ökonomie dabei einen Rahmen, in dem Grundannahmen der Ökonomik gefunden, gegeneinander abgewogen und schließlich auf ihre Konsequenzen untersucht werden können. Back erhebt dabei keinen Anspruch, neue Inhalte zu gewinnen, sondern nutzt das Verfahren, um sachgemäße Ergebnisse der älteren Forschung zu identifizieren (vgl. Back 1929, 19 – 20). Zu diesem Zweck enthält die Backs Habilitationsschrift eine ausführliche Auseinandersetzung mit älteren Autoren, die hier aus Platzgründen nicht behandelt wird, da der vorliegende Aufsatz sich auf Backs wesenswissenschaftliches Verfahren im Anschluss an Husserl konzentriert. Entsprechend werden im Folgenden Backs Ergebnisse zu den beiden Hauptaufgaben der reinen Ökonomie insoweit dargestellt, wie es dem Verständnis seines wesenswissenschaftlichen Verfahrens dient.

Der Gegenstand der Ökonomik

10Die reine Ökonomie grenzt den Gegenstand der Ökonomik ab. Dazu stützt sie sich auf Ergebnisse höherstufiger Wesensforschungen, die nicht lediglich die Ökonomie, sondern weiter gefasste, weniger konkrete Bereiche in den Blick nimmt. Diese Ergebnisse nimmt Back durch die phänomenologische Forschung als gegeben hin und stellt fest, dass an der Wirklichkeit verschiedene ‚Schichten‘ zu unterscheiden seien, denen korrelativ spezifische Erfahrungsweisen mit jeweils adäquaten Erkenntnisweisen bzw. Wissenschaften entsprechen (vgl. Back 1929, 175). Entscheidend dabei ist, dass diese Schichten nicht unabhängig nebeneinanderstehen, sondern ineinander „fundiert“ sind, wie Back sich mit Verweis auf Husserl ausdrückt (Back 1929, 176, 204). D.h., die Erfahrungsschichten stehen gemäß dem Grad ihrer Konkretion in einer gestuften Ordnung, in der höhere Schichten ihre Charaktere auf niedere Schichten übertragen.

11Für die Ökonomik seien zwei übergeordnete Schichten relevant: die sinnliche Erfahrung (Wahrnehmung von Dingen), mit der sich die Naturwissenschaften beschäftige, und die darin fundierte praktische Erfahrung von Gebrauchsgegenständen und handelnden Personen, die in eigenen Wissenschaften des Praktischen untersucht werde (vgl. Back 1929, 176, 205). Die Ökonomik befasse sich mit der in der praktischen fundierten wirtschaftlichen Erfahrung (vgl. Back 1929, 186, 206). Der ökonomische Gegenstand ist daher im Durchgang durch sinnliche und praktische Erfahrung zu bestimmen. Das Praktische übernimmt aus dem Sinnlichen einschränkende Charaktere wie die Situierung in Raum und Zeit mit den hier geltenden physikalischen Gesetzen. Es weist aber auch eigene Charaktere auf. Spezifisch umfasst das Praktische den Umgang mit den Gegenständen der sinnlichen Erfahrung, darin diese als Gegenstände des Handelns, etwa des Wertens, Tauschens und Herstellens, erscheinen. Back bestimmt die hier auftretenden wesentlichen Charaktere näher durch die Bestimmung des Handelnden. Dafür greift er unvermittelt auf Heideggers Sein und Zeit zurück und führt den Begriff des ‚Daseins‘ als dem ‚Wer‘ des Handelns ein.

12Als ‚Dasein‘ charakterisiere sich das Handelnde wesentlich durch sein offenes Entwerfen auf Möglichkeiten, vor allem auch auf wirtschaftliche Möglichkeiten hin (Back 1929, 207 – 8).12 Auf diesen Heidegger-Bezug kann hier nicht näher eingegangen werden. Doch schon die Ergebnisse Backs ‚Daseinsanalyse‘ lassen vermuten, dass er Heidegger nur flüchtig heranzieht und eher als Ergänzung zu Husserl versteht.13 So interpretiert Back das ‚Dasein‘ durchgehend anthropologisch, wohl mit dem Anspruch, dies in phänomenologischer Weise zu tun. Eine phänomenologische Ausweisung seiner Behauptungen im Rekurs auf das anschaulich Gegebene fehlt allerdings weitgehend.

13Betrachtet man dennoch Backs Ausführungen näher, so macht er zunächst zentrale Aussagen zum Praktischen. Die hier auffindbaren Ordnungen seien, auch wenn sie durch jene des Sinnlichen eingeschränkt werden, von eigener Art. Praktische Erfahrung entwickle sich in einer Historie von aneinander anknüpfenden Handlungen und sei dabei nicht determiniert, sondern zeige wesentlich offenen Charakter, denn konkret realisierbare Handlungsmöglichkeiten könnten nur im unmittelbaren „Umgang mit den Dingen“, unter den am jeweiligen Ort zu einer gewissen Zeit gegebenen Umständen „entdeckt“ werden (Back 1929, 209). Anders als in der naturwissenschaftlichen Erkenntnis des Sinnlichen weist Back daher für das Praktische jede Einsicht in eine allgemeine Notwendigkeit seines tatsächlichen Geschehens zurück. Für den Bereich des Praktischen ist daher eine andere Erkenntnisweise adäquat als für das Sinnliche. Näher wird hierauf unter Abschnitt 1.3 eingegangen.

14Die Charaktere des Praktischen übertragen sich auf die Ökonomie. Back verortet die Ökonomie dann näher in den Handlungen, die sich auf den „objektiv-gegenständliche[n]“ Bereich der praktischen Erfahrung beziehen, d.h., auf die intersubjektiv geteilte Welt (vgl. Back 1929, 217). Genauer umfasst die Ökonomie die objektiv-gegenständliche Erfahrung, sofern in ihr individuelle oder kollektive (arbeitsteilige) Handlungen auf die „planvolle Anwendung der Verfügungsmacht (Arbeit und Sachgüter)“ zur „unendlich möglichen“ Beseitigung materieller Knappheit zielen (Back 1929, 228 – 29). D.h., gemäß Backs Wesensanalyse soll die Ökonomik nicht untersuchen, welche technischen Möglichkeiten zur Knappheitsüberwindung bestehen oder welche hierfür verwendet werden sollten (vgl. Back 1929, 216, 218), sondern nur, in welchen Wirtschaftsplänen knappe materielle Mittel an Arbeit und Sachgütern zur Erreichung gegebener Ziele organisiert werden können.

15Obwohl Back in der materialen Bestimmung der Wirtschaft der phänomenologischen Wesensanalyse dem Anspruch nach verpflichtet bleibt, entfernt er sich hier von Husserl. Dies mag daran liegen, dass Husserl sich in den bis 1929 veröffentlichten Werken wenig mit der praktischen Erfahrung befasst. Back könnte daher Anregung bei anderen Phänomenologen wie Heidegger gesucht haben. Inwieweit Back über Husserls Denken zur Thematik informiert war, etwa durch seine Teilnahme an Husserls Kolloquium, ist nicht festzustellen. Dennoch lassen sich Bezüge zu Husserls Überlegungen aus den 1920er Jahren denken. Zu verweisen wäre hier etwa auf Husserls Untersuchungen zur „personalistischen Einstellung“ in den Ideen II (HUA IV, 183) und dem damit verbundenen Gegenstandsbereich der „Umwelt“, worunter Husserl auch die Nutzung materieller Mittel zur Bedürfnisbefriedigung fasst.14 Den Anschluss an Husserl erschwert jedoch, neben dem problematischen Rückgriff auf Heidegger, dass Back seine Auffassung des ökonomischen Gegenstandes phänomenologisch nicht ausreichend gegenüber anderen möglichen Auffassungen begründet.15 Auch fehlt bei Back eine explizite Untersuchung zur Intersubjektivität in der Ökonomie. Für die weitere Darstellung werden Backs Thesen aber vorläufig übernommen.

Die Konstitution der Ökonomie

16Die nächste Aufgabe der reinen Ökonomie besteht darin, den Gegenstand der Ökonomik auf seine wesentliche interne Struktur hin zu untersuchen und so allgemeine Gesetzmäßigkeiten festzustellen. Schon in der Umgrenzung des ökonomischen Gegenstandes hatte Back den offenen Charakter des Handelns betont. Wirtschaftliche ‚Gesetzmäßigkeiten‘ können folglich nicht als real notwendig auszuführende Handlungen gelten. Back sucht ökonomische ‚Gesetzmäßigkeiten‘ daher in der ideal möglichen Ökonomie (vgl. Back 1929, 234), d.h., in wesensmäßig möglichen, wiederholbaren Handlungsmustern, in denen Handeln zur Überwindung von Knappheit wirksam sein kann. Diese Muster nennt Back mit Rückgriff auf Gottl-Ottlilienfeld „Gebilde“, will ihm aber nur in „sehr freier Weise“ folgen (Back 1929, 220).16 ‚Gebilde‘ sind damit Muster, in denen das Wirtschaften idealerweise ablaufen kann, würde es ohne tatsachenbedingte Störungen rein das Wesen der zugrundeliegenden Wirtschaftspläne realisieren (vgl. Back 1929, 221). Man gewinnt so nicht reale Gesetze des Handelns überhaupt, gemäß denen die tatsächliche Ökonomie nach naturwissenschaftlichem Vorbild vorhergesagt werden könnte, sondern bekommt ein Mittel an die Hand, mit dem die Ökonomik jeweils auftretende ökonomische Handlungen verstehen kann.

17Da die Wirtschaft historisch verläuft, ist auch ihre ideale Möglichkeit entsprechend zu betrachten. Back unterscheidet daher die momentane „Struktur“ (Back 1929, 223) eines Plans, bestimmt durch die darin vorgesehenen „wirtschaftende[n]“ Gebilde (z.B. Haushalte, Unternehmen) und deren Außenverhältnis bestimmenden „wirtschaftsregulierenden“ Gebilde (z.B. freie Konkurrenz), von dem „Gefüge“ der Pläne (ebd.), gemäß dem ihre Gebildformen ineinander übergehen können. Back konkretisiert so die unter 1.1 beschriebene Wesensanalyse reiner Ökonomie für die unter 1.2 umrissene wirtschaftliche Erfahrung. Die reine Ökonomie zeigt zunächst die Gebilde als „wesensnotwendige Struktur“ wirtschaftlicher Erfahrung auf (Back 1929, 220). Sie trennt die tatsächlich vorfindlichen Handlungen zur planmäßigen Knappheitsüberwindung von deren wesentlichen Formen, und fasst den dadurch gewonnenen Bereich idealer Möglichkeiten als ‚Gebilde‘. Diese sind für Back die Grundkategorie dessen, was unter 1.1 eine ‚Ontologie‘ der Ökonomik genannt wurde. Alles sinnvolle Forschen der Ökonomik muss nach dem Muster der Gebilde erfolgen. D.h., bevor konkrete Fragen an die wirtschaftliche Erfahrung gerichtet werden, ist zuerst nach dem Gebilde zu fragen, unter dem das Wirtschaften erfolgt.

18Die einzelnen Wirtschaftspläne bilden für Back eigene Teilgegenstände der Ökonomie. Ihre Gebilde sind allgemeine Formen, die wesenswissenschaftlich untersucht werden könnten (vgl. Back 1929, 233 – 34). Damit wird die gesamte Gebildforschung Teil der reinen Ökonomie. Ein tatsächlicher Plan wird nach seiner gebildhaften Form betrachtet und sodann wie unter 1.1 beschrieben variiert. Hier konkretisiert sich der dort genannte ‚Rückkopplungsprozess‘ zwischen Ökonomik und reiner Ökonomie. Denn die Ökonomik untersucht zwar einerseits, normiert durch die reine Ökonomie, wie die Gebilde tatsächlich realisiert sind, wurden oder werden könnten. Andererseits liefert sie aber allererst das anschauliche Ausgangsmaterial, an dem wesentliche Gehalte möglicher Gebilde erfasst werden. Back impliziert daher, dass die Ergebnisse der Gebildforschung nicht absolut sind, sondern nur den jeweiligen Stand in der Klärung der Tatsachenforschung markieren. Ob Kerngehalte wie die Struktur der Wirtschaft in Gebilden hiervon ausgenommen sind, reflektiert Back nicht weiter.

19Back selbst nennt einige Ergebnisse der Gebildforschung. Hier sei aber nur eines als Beispiel angeführt, um ihre Leistung für die Ökonomik zu verdeutlichen. So ließen sich alle Organisationsmöglichkeiten der Wirtschaft sowie ihre Übergänge entlang der Polarität zwischen zwei allgemeinsten wirtschaftsregulierenden Gebilden begreifen: zwischen der Wirtschaft in „völlig freie[r] Konkurrenz“ (Verkehrswirtschaft) und der „völlig gebundene[n] Wirtschaft“ (Zentralverwaltungswirtschaft) – „andere gibt es nicht“ (Back 1929, 237). Je nach Mischung dieser Gebilde werden gleiche Handlungen verschiedene Wirkungen und adäquate Erklärungsweisen haben. So wirkt etwa das Sparen in einer reinen Zentralverwaltungswirtschaft anders als in einer Verkehrswirtschaft; und je nach Art der Zentralverwaltungswirtschaft, ob es sich etwa um eine traditionsgebundene, autarke Hofwirtschaft oder um eine zentral geplante Volkswirtschaft mit entwickelter Wirtschaftsrechnung handelt, werden verschiedene Untersuchungsmethoden angemessen sein.17 Es darf also nicht eine allgemeine Theorie etwa des Sparens geben, sondern nur eine solche im Rahmen gewisser Gebilde. Dieses Beispiel verdeutlicht, wie die reine Ökonomie die Ökonomik klärt. Indem sie der Ökonomik das Muster von Gebilden vorgibt, sorgt sie dafür, dass diese weder ihren Gegenstand überschreitet und so inadäquate Methoden aus anderen Wissenschaften übernimmt noch innerhalb ihres Gegenstandes verschiedene Teilgegenstände vermischt und mit inadäquaten Methoden untersucht.

20Mit der Konzeption der Gebilde geht Back klar über Husserl hinaus, bei dem sich keine entwickelte ‚Ontologie‘ der Ökonomie findet. Inwiefern Backs Überlegungen an Husserl und besonders an die unter 1.2 erwähnte ‚Umwelt‘ anschlussfähig sind, bedürfte ausführlicherer Untersuchungen.18 Besonders wäre zu fragen, inwiefern ‚Gebilde‘ an Husserls Wesenskonzeption im engeren Sinne (z.B. der Ideen I) anschließen oder eher an verwandte Konzepte wie Husserls später entwickelte ‚wesentliche Typen‘ (vgl. Schütz 1959). Auch wäre zu untersuchen, inwiefern gesamtgesellschaftliche Gebilde, wie die ‚Verkehrswirtschaft‘, überhaupt an einzelnen ökonomischen Phänomenen auszuweisen sind. Hier liegen also schwerwiegende Probleme. Man kann aber festhalten, dass Back durch die Einführung des Gebildes versucht, einen organischen Anschluss der Wesensanalyse an die Ökonomik herzustellen. Die Gebilde werden als allgemeine Formen der Wirtschaftspläne identifiziert, die dann durch Variation auf ihr Wesen hin untersucht werden können. Das Ergebnis normiert die Tatsachenforschung. Allerdings verbleiben Backs Ausführungen propädeutisch und besonders seine konkrete Gebildforschung enthält keine detaillierte Ausführung der hier nötigen Variation. Inwiefern Backs Versuch Husserls Wesensforschung auf die Ökonomik zu übertragen dennoch von Bedeutung sein kann, soll im Folgenden kurz diskutiert werden.

3 | Backs ‚reine Ökonomie‘ als Ontologie wirtschaftlicher Erfahrung

21Back liefert aus der Perspektive der Ökonomik inhaltlich keine neuen Ergebnisse. Neu ist sein Versuch, deren Ergebnisse in ein wesenswissenschaftliches Rahmenwerk einzufügen. Dass er sich dabei, vor allem in den methodischen Grundlagen (1.1), an Husserl orientiert und auch in seinen weiteren Ausführungen zumindest an Husserl anschlussfähig sein könnte, wurde oben gezeigt. Backs Abgrenzung des ökonomischen Gegenstands nach den Handlungen zur planmäßigen Knappheitsüberwindung und seine Konzeption der Gebilde sollen leisten, was Husserl als materiale Ontologie bezeichnen würde. Backs reine Ökonomie wäre demnach als Versuch zu einer Ontologie des ökonomischen Erfahrungsfeldes zu lesen oder, in Anlehnung an Husserl gesprochen, als Ontologie der ‚ökonomischen Umwelt‘.

22Gleichwohl bleibt zu betonen, dass Backs Werke der 1920er Jahre propädeutisch bleiben. Das gilt auch für seinen in dieser Beziehung am weitesten entwickelten Versuch in der Habilitationsschrift Entwicklung der reinen Ökonomie. Zentrale Aspekte, wie die anschauliche Ausweisung des Knappheitsphänomens oder die Variationsmethode in der Gebildforschung, bleiben bloß angedeutet. In den 1930er Jahren konkretisiert Back zwar viele Begriffe, entfernt sich aber zugleich vom phänomenologischen Zugriff. Spätestens ab 1934 tritt an dessen Stelle eine dogmatische Integration der NS-Ideologie: Etwa der Begriff des Gebildes wird nun mit einer „rassischen Substanz“ verknüpft, sodass ‚Rasse‘ zur bestimmenden Kategorie ökonomischer Ordnungen wird (Back 1934, 20). Methodisch ist diese Wendung ins Dogmatische bereits Ende der 1920er Jahre in Teilen angelegt, etwa dort, wo Back ohne weitere Ausweisung das ‚Dasein‘ anthropologisierend als eine Art ‚Mängelwesen‘ bestimmt, dem das Streben nach Knappheitsüberwindung zur ‚Daseinsnotwendigkeit‘ wird. Auch wenn dieser Zugriff in Entwicklung der reinen Ökonomie noch keinen spezifisch ideologischen Gehalt trägt, sollte sein dogmatischer Charakter gerade im Licht späterer Entwicklungen kritisch gelesen werden.

23Was lässt sich dennoch aus dem frühen Back gewinnen? Interessant bleibt Backs grundlegende Idee, die Wesensforschung auf die Ökonomik anzuwenden, sowohl in ideengeschichtlicher als auch in systematischer Hinsicht. Ideengeschichtlich markiert Back einen bislang wenig beachteten Strang der Wirtschaftsphänomenologie jenseits der bekannten Hermeneutik-Debatte seit den 1980er Jahren.19 Systematisch will er durch die Wesensforschung Grundannahmen der Ökonomik sowie deren Folgen adressierbar und auf Grundlage des anschaulich Gegebenen rational verhandelbar machen. Für die phänomenologische Forschung lenken Backs Ergebnisse den Blick auf den von Husserl kaum betrachteten ökonomischen Teil der Umwelt und deuten mit dem Verweis auf das planmäßige Überwinden von Knappheit eine mögliche Umgrenzung dieses Erfahrungsbereichs an, auch wenn Back dies phänomenologisch noch unzureichend ausweist. Indem er den Blick dann auf die allgemeine Struktur der Ökonomie in ihren Gebilden lenkt, macht er den umrissenen Gegenstand einer näheren Wesensanalyse zugänglich und skizziert deren ferneren Fortgang. Auch hier wären weiterführende Untersuchungen über Backs propädeutische Ansätze hinaus notwendig. Dennoch zeichnet er ein Muster für solche weiteren Untersuchungen vor.

Zum Autor

24Paul Meyer hat seinen Bachelor in Informatik, Wirtschaftswissenschaft und Philosophie an der Universität Freiburg abgeschlossen und studierte Philosophie und Volkswirtschaft im Masterstudium ebenfalls in Freiburg. Dort schreibt er inzwischen seine Promotion zu Husserls Staatsbegriff. Seine Forschungsinteressen liegen in der Phänomenologie und Transzendentalphilosophie, der Sozialphilosophie und Neuen Institutionenökonomik.

    Notes

  • 1 Vgl. zum Bezug zwischen Husserl und Ordoliberalismus bzw. Eucken z.B. Gander et al. 2009.
  • 2 Back wurde insgesamt nur sehr vereinzelt rezipiert. Als Ausnahme ist besonders Hermann Rauchenschwandtner zu nennen, der Back in zwei kleineren Veröffentlichungen behandelt (2005; 2009); ferner auch Nils Goldschmidt, der Back streiflichtartig in seiner Dissertation (2001) behandelt.
  • 3 Im Folgenden wird mit ‚Ökonomik‘ die positive Wissenschaft von der tatsächlichen Ökonomie bezeichnet. Wie noch dargestellt werden wird, betrachtet die ‚reine Ökonomie‘ dagegen das ‚Wesen‘ der Ökonomie.
  • 4 Vgl. die biographische Skizze in Rauchenschwandtner 2005, 207. Auf Backs Teilnahme an Husserls Kolloquium weist Husserls selbst in einem Empfehlungsschreiben vom 17.01.1929 hin. Back habe über einige Jahre teilgenommen und sei durch „ungewöhnliche Begabung“ aufgefallen (zitiert nach Rauchenschwandtner 2005, 210). Für weitere biographische Details vgl. besonders Carolsfeld 1975.
  • 5 Vgl. Brintzinger 1996, 44. Für eine Untersuchung Backs Verstrickungen mit der NS-Ideologie vgl. auch Rauchenschwandtner 2005, 235.
  • 6 Vgl. Brintzinger 1996, 75. So auch Rauchenschwandtner 2005, 235.
  • 7 Vgl. z.B. Back 1929, 174, 176, 181, 196. Noch reichhaltigere Verweise auf Husserl in diesem Themenfeld finden sich in Back 1926, 238 – 39.
  • 8 Back übernimmt, neben der im Folgenden noch erwähnten ‚Wesensanschauung‘, auch die „kategoriale Anschauung“ von Husserl mit ausdrücklichem Verweis auf dessen VI. Logischer Untersuchung (Back 1929, 181). Back teilt also die Auffassung, dass auch Aussagen über Sachverhalte mit ihrer kategorialen Struktur anschauliche Erfüllung finden können (vgl. HUA XIX/2 669 – 70). – Für eine detaillierte Darstellung Husserls Lehre der Wesensschau vgl. die Vorrede zu HUA XLI von Dirk Fonfara, insb. HUA XLI, XVIIIf.
  • 9 Dieser Zusammenhang wird besonders auch in Backs Dissertation betont (vgl. z.B. Back 1927, 28).
  • 10 Vgl. zu Husserls Wesensforschung z.B. HUA III/1, §§ 3, 4. Zu Husserls Methode des ‚Zickzack‘ vgl. HUA XXXV, 94, 96.
  • 11 Für einen weiterführenden Überblick vgl. etwa die Vorrede zu HUA XLI von Dirk Fonfara, insb. HUA XLI, XXI.
  • 12 Dass Back sich hier ausdrücklich auf Heideggers Sein und Zeit beziehen möchte, macht er in einigen wörtlichen Zitaten deutlich (Back 1929, 207 – 8). Ferner sei angemerkt, dass Back auch einmal Max Schelers Der Formalismus in der Ethik und die Materielle Wertethik (Back 1929, 215) und ohne Beleg Immanuel Kant heranzieht (Back 1929, 230), beide aber nicht tiefergehend in seine Überlegungen integriert.
  • 13 Eine ähnliche Meinung wird etwa auch von Rauchenschwandtner (2005, 233) vertreten, der den Heidegger-Einfluss als eine Art Fremdkörper in Backs Denken begreift. Wie er anmerkt, macht die Daseinsanalytik auch gerade einmal wenige Seiten Backs Habilitationsschrift Entwicklung der reinen Ökonomie aus.
  • 14 Insbesondere zählen hierher die Akte, in denen der Mensch „sich als handelnder Mensch im praktischen Leben betätigt, die Dinge seiner Umwelt in Gebrauch nimmt, sie nach seinen Zwecken umgestaltet“ (HUA IV, 181). Denn die umweltlich erfahrenen Gegenstände „reizen mein Begehren, oder sie erfüllen Bedürfnisse […]. Sie werden nachher auffaßbar als zur Befriedigung solcher Bedürfnisse gemäß der oder jener Eigenschaft dienlich, sie stehen dann auffassungsmäßig da als Nutzobjekte irgendwelcher Art“ (HUA IV, 187).
  • 15 Man denke hier bspw. an James M. Buchanans einflussreiche Definition der Wirtschaft. Buchanan teilt zwar die Auffassung, dass Informationen über wirtschaftlichen Möglichkeiten nur lokal verfügbar sind, weist aber eine Definition der Wirtschaft über den Knappheitsbegriff ausdrücklich zurück (vgl. für eine Darstellung etwa Vanberg 2004, insb. Abschnitt 5).
  • 16 Gottl versteht unter einem ‚Gebilde‘ – kurz gesagt – die Regelmäßigkeit, unter der sich menschliches Handeln zu sinnvollen Einheiten versammelt und reproduziert (vgl. z.B. Gottl-Ottlilienfeld 1925, 189. Für einen Überblick zum Gestaltbegriff bei Gottl vgl. man etwa Morikawa 2019, 265) Wie das Folgende verdeutlichen soll, scheint Back sich auch nur in diesem sehr allgemeinen Sinne an Gottl zu orientieren. – Zum Verhältnis von Back zu Gottl vgl. auch Rauchenschwandtner 2005, 24.
  • 17 Entwickelter findet sich diese Denkart in ähnlicher Weise bereits wenige Jahre später bei anderen Denkern wie Walter Eucken (vgl. Goldschmidt 2001, Abschnitt 3.3). Wiederum an Eucken anschlussfähige Ansätze finden sich später bspw. in der Konstitutionen Ökonomik (vgl. etwa Vanberg 1988).
  • 18 Betrachtet werden könnte hier etwa Husserls Konstitution der ‚Umwelt‘ durch das ‚Wissen‘ der Beteiligten, mit dem er die allgemeine Form ihrer Interaktion beschreibt. Dieses Wissen macht Personen zu „Glieder[n] von Gemeinschaften“, indem es ihr gemeinsames Handeln in impliziter oder expliziter Ordnung hält, etwa durch „sittliche und rechtliche Ordnungen“, und dabei eine „geregelte Veränderlichkeit“ über die Zeit aufweist (HUA IV, 182).
  • 19 Für einen Überblick zur Debatte vgl. etwa Storr 2010.

References

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Publication details

Published in:

(2025) Gemeinschaft und soziales Leben. phainesthai 1.

Seiten: 47-62

DOI: 10.19079/phainesthai.1.47

Referenz:

Meyer Paul Adrian (2025) „Zur Möglichkeit einer phänomenologischen Ontologie der Wirtschaftswissenschaft: Eine kritische Betrachtung Josef M. Backs Verbindung von Husserls Phänomenologie mit den Wirtschaftswissenschaften“. phainesthai 1, 47–62.